ROCHUS AUST/DIGITAL FREEZE TRIO
RE-ENSOUNDMENT

30.07.2020 · Köln · Centre Court Festival
08.09.2020 · Menden · Kunstfest Passagen
12.09.2020 · Schwarzenberg · Musikfest Erzgebirge/Deutschlandfunk
13.09.2020 · Essen · nano#drei Festival
07.11.2020 · Düsseldorf · Digitale
11.01.2021 · Münster · LWL-Museum für Kunst und Kultur


DIGITALES WACHKOMA
Während die Hardware veraltet oder stirbt, bleiben Daten in der Regel unbeschadet erhalten und sind - zumindest theoretisch - reaktivierbar. Dieser Prozess muss nicht notwendiger Weise in Riesenschritten vor sich gehen (z. B. analog - digital)*, sondern setzt schon bei kleineren Änderungen ein: Ein umfangreiches Update, eine Softwareerfindung, ein schickeres Handy oder ein leistungsfähigerer Computer versetzen augenblicklich große Datenmengen ins digitale Wachkoma. Die Daten erinnern uns an ihre Existenz aber sie sprechen nicht mehr zu uns.**

Dieser Moment, der aus verschiedensten Motivationen resultieren kann, ist der erste Schritt in den DIGITAL FREEZE. Ob pure Faulheit oder Unachtsamkeit (zunächst könnten die Daten noch mit wenig Aufwand geborgen werden), Unfall oder Fehleinschätzung zur Qualität der Daten: der Zugriff wird immer aufwendiger, je mehr Zeit vergeht. Ein in der Konsequenz selbst erwirktes Locked-in-Syndrom der Bilder, Texte, Musiken und Kommunikationen.

Der persönliche DIGITAL FREEZE allerdings lässt sich bisher kaum als allgemeingültige Geschichte erzählen, da die Inhalte der Datenmengen mindestens genauso divers sind, wie die einzelnen Datenmengen-Mengen selbst. Und damit bietet er eine herausragende Plattform der (digitalen) künstlerischen Auseinandersetzung zwischen Hard- und Software bezogen auf die Kultur und ihre Protagonisten.

„Rochus Aust, analogous native und digital grandpa (wenn/dann) wird zu den letzten Menschen gehören, die ihre ersten musikalischen Schritte noch auf Kassette, Tonband und Vinyl (nicht retro- Vinyl) veröffentlicht sahen, deren „early/emerging career“ fest mit CompactDisc, printed Media, Radio und Fernsehen verbunden waren und die in ihrer „mid-career“ zwar das Digitale in Inhalt und Möglichkeit, Absurdität und Chance erkannten aber nicht Willens waren, zuviel ihrer Zeit für den 'Hype' des Netzes zu opfern. (...) Er gehört aber auch zu der Generation von Künstlern, die die Übergänge vom Analogen zum Digitalen (und ggf. zurück) als authentisches Narrativ beherrschen und letzteres aus dem rein persönlich-anekdotischen in eine übergeordnete Form bringen könnten.“****

DIGITAL FREEZE TRIO
Aus eigenen historischen Aufnahmen (bezogen auf analoge bzw. digitale Produktionen)***** generiert Rochus Aust die Komponisten-Trios Telemann-Vitali-Purcell, Bach-Mozart-Haydn und Aust-Baader-Oswald etc., die jeweils nebeneinander, übereinander, ineinander und miteinander den spielenden Musikerm als eingefrorene Ausgangsmaterialität zu Grunde gelegt werden.
Dabei sollen Verlust und Vergänglichkeit von Daten/Informationen (kultureller Art) keineswegs im Vordergrund stehen, vielmehr der Umgang und die Interpretation des 'Alten' aus einer neuen Zeit heraus mit neuen Produktionsmitteln. Im Extremfall wie eine Art Hieroglyphen-Fund, der nach tausenden von Jahren mit vielen Annahmen, Behauptungen und Interpretationen in eine neue Welt überführt wird.
Die Bergung des Analogen und die daraus resultierenden digitalen Überreste mutieren zur Spielanleitung, zum Re-Ensoundment mit daraus folgenderNeubewertung.
Ob performativ oder werkschaffend, ob klingend oder materialisierend, ob menschlich oder maschinell: der rote Faden sind die gefrorenen Daten, ihre Bergung der künstlerische Prozess, das daraus Entstehende ist die Sichtbarkeit des DIGITAL FREEZE und der Diskurs darüber die Transformation in einen neuen Aggregatzustand.

1. DEUTSCHES STROMORCHESTER
Die musikalische Umsetzung übernehmen drei (in Kombination vier) Spieler-Trios (rein analog, rein digital, rein instrumental und gemischt) gebildet aus dem 1. DEUTSCHEN STROMORCHESTER.

*Das Verlassen der analogen Welt hat sicherlich den größten (auch kollektivsten) DIGITAL FREEZE gesetzt, bei dem Unmengen an Fotos, Papieren und Akten, Schallplatten, Tonbänder und Analogdatenträger jeglicher Art - wohin auch immer - verbannt wurden. Dieser Zeitpunkt war zwar mengenmäßig gigantisch, in der Überschaubarkeit aber noch fassbar, denkbar und damit beherrschbar. Bei jedem späteren DIGITAL FREEZE kommt der enorme Anstieg der Datengrößen und -mengen als Unbekannte X mit ins Spiel.***
**Digitale Daten wiegen kaum etwas, verstecken sich in Ordnern, die alle gleich aussehen und sind meist in maximaler Un/Ordnung untergebracht, da die Suche nach ihnen zunächst so einfach erscheint. Das Gefühl für Datenmengen lässt sich wegen der stetigen Veränderung nur im jeweiligen jetzt entwickeln. Rückwirkend oder gar vorausschauend ist dies schier unmöglich.
***Noch in den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts flog man mit der Datenkapazität eines einfachen Atari-Computers zum Mond. Pac-Man wäre da nicht mitgeflogen und uns fehlt dafür schlicht die Vorstellung.
****Franka Bandoni in Digital Dogs
*****private und produzierte Aufnahmen (WDR-Sinfonieorchester, Capella Istropolitana Bratislava, Junge Deutsche Philharmonie u.a.) mit Rochus Aust als Solist